Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“

Der neu gegründete Beirat setzt sich dafür ein, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche sicherzustellen.

Der Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ berät den Bundesminister für Wirtschaft und Technologie zu aktuellen Fragen der Informations- und Kommunikationswirtschaft, insbesondere zur Entwicklung und zu den Potenzialen der jungen digitalen Wirtschaft und neuer digitaler Technologien. Ziel ist es u.a. die Wachstumsbedingungen von Start-ups zu verbessern. Die Mitglieder des Beirats sind sowohl Gründerinnen und Gründer als auch junge und etablierte IT-Unternehmen und Investoren.

Video: Rösler stärkt junge digitale Wirtschaft mit Beirat

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Interview mit Florian Nöll

Bildrechte: Florian Nöll

Zu den Mitgliedern des Beirats gehört auch Florian Nöll, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V., dem etwa 120 junge Unternehmen und 30 studentische Gründungsinitiativen angehören. Sein erstes Start-up hat Florian Nöll bereits in der Schulzeit gegründet. Seitdem hat er als Serial Entrepreneur eine ganze Reihe von IT-Unternehmen auf den Weg gebracht.

Herr Nöll, der Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ wurde erst vor Kurzem, im November 2012, gegründet. Zu welchem Zweck?

Nöll: Der Beirat wird den Bundeswirtschaftsminister zu den Entwicklungsmöglichkeiten der IKT-Branche beraten. Ich halte seine Einrichtung daher für ein großes Zeichen der Wertschätzung gegenüber einer kleinen und jungen Branche, die derzeit etwa 5.000 Unternehmen umfasst. Offensichtlich teilt man in der Politik unsere Meinung, dass sich die digitale Wirtschaft in den nächsten Jahren zum größten Beschäftigungsmotor entwickeln wird. Insofern ist es richtig, dass sich junge Unternehmen, Kapitalgeber und Politiker frühzeitig darüber austauschen, welche Weichen gestellt werden müssen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit in der Branche sicherzustellen.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Nöll: In unserer Verbandsarbeit stellen wir immer wieder fest, dass es Unternehmen schwer fällt, sich zum namhaften Global Player zu entwickeln. In aller Regel werden aus erfolgreichen Start-ups mittelständische Unternehmen. Das ist auch gut so. Nicht zuletzt gelten viele dieser Unternehmen als Hidden Champions, die auf internationalen Märkten agieren. Wenn man allerdings einen Blick über den Atlantik wirft, fällt auf, dass in Deutschland etwas fehlt: In den USA entstehen pro Jahr etwa vier Unternehmen, deren Wert eine Milliarde Dollar übersteigt. Das sind Unternehmen, deren Gründung nur wenige Jahre zurückliegt. Da müssen wir uns die Frage stellen, warum wir das in Deutschland nicht schaffen?

Und wie sieht Ihre Antwort darauf aus?

Nöll: Eine wesentliche Rolle spielt die Unternehmensfinanzierung. Wir haben mittlerweile eine recht gut funktionierende Frühphasenfinanzierung. Wer in der Uni gründet, kann zum Beispiel das EXIST-Gründerstipendium oder EXIST-Forschungstransfer in Anspruch nehmen. Für eine Anschlussfinanzierung stehen Business Angels zur Verfügung – auch wenn es von denen immer noch viel zu wenige gibt. Außerdem gibt es Institutionen wie den High-Tech Gründerfonds, die dafür sorgen, dass gute Ideen in der Markteintrittsphase auch Kapital finden können.

Den Unternehmen geht aber dramatisch die Luft aus, wenn es ums Wachstumskapital geht. Das heißt, sie müssen nach der Startphase auf die Bremse treten beziehungsweise können beim internationalen Wettbewerb nicht mithalten, weil das notwendige Kapital nicht vorhanden ist. Wir sprechen da über Finanzierungssummen von mehr als fünf oder zehn Millionen Euro. Dabei sehen wir, dass es vor allem im oberen Bereich, also zwischen zehn oder hundert Millionen Euro, keinen Venture Capital Fonds in Deutschland gibt, der das leisten kann. Finanzierungen in dieser Größenordnung bieten im Augenblick fast ausschließlich Kapitalgeber aus den USA, teilweise auch aus Frankreich oder Großbritannien an. Das müssen wir dringend ändern.


Audiostatement

Prof. Dr. Tobias KollmannMitglied der Steuerungsgruppe und Vorstandssprecher des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“, Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen

Audiostatement Prof. Dr. Tobias Kollmann

Interview mit Florian Nöll (Forts.)

Wie sieht es Ihrer Ansicht nach insgesamt mit der Gründungskultur in Deutschland aus?

Nöll: Das Unternehmerbild ist in Deutschland überwiegend negativ und es fehlt vor allem an einer Kultur der zweiten Chance. Das deutsche Insolvenzrecht ist zum Beispiel sehr auf die Gläubiger fokussiert und lässt dem gescheiterten Unternehmer wenig Spielraum, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Obwohl das der größere Nutzen und Mehrwert für die gesamte Volkswirtschaft wäre. Natürlich nur, sofern sich der Unternehmer nichts hat zuschulden kommen lassen.

Insgesamt müssen wir als Gesellschaft erkennen, dass wir aus den Fehlern, die damals in der Zeit der New Economy gemacht wurden, lernen können. Wir wissen, dass sehr erfolgreiche Unternehmer in den USA oft zwei, drei, vier, manche sogar fünf Anläufe gebraucht haben. Wir wünschen uns daher einen klaren Mentalitätswandel in Deutschland, der das unternehmerische Scheitern oder besser gesagt den unternehmerischen Neustart nicht verurteilt, sondern wertschätzt.

Im Beirat digitale Wirtschaft gibt es unter den 24 Mitgliedern gerademal vier Unternehmerinnen. In Ihrem Verband findet man auf der Leitungsebene nur männliche Vertreter. Ist hier nicht auch ein Mentalitätswandel erforderlich?

Nöll: Das ist ein großes Problem. Unser Verband besteht aus Mitgliedern, die mit dem Aufbau ihrer Unternehmen vollauf beschäftigt sind. Die Geschäftsführer – egal ob männlich oder weiblich – davon zu überzeugen, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist sehr schwierig. Hinzu kommt der mit fünf, maximal zehn Prozent ohnehin geringe Anteil an Gründerinnen in unserer Branche. Da kommt man schnell zu einem solchen Ergebnis, wie es im Augenblick leider Realität ist. Aber, wir suchen mit vereinten Kräften, und wir werden auch über die 30 studentischen Gründungsinitiativen, die Mitglieder in unserem Verband sind, Unternehmensgründungen durch Frauen im IKT-Bereich unterstützen.

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