Startkapital durch die Internetcommunity:
Crowdfinanzierung

Die Kreativ- und Medienszene hat sie als Geldgeber längst für sich entdeckt: die Crowd. Die vielen Internetnutzer, die über webbasierte Plattformen Projekte und Start-ups finanzieren. Seit kurzem hat sich eine neue Variante der Crowdfinanzierung etabliert: das Crowdinvesting.

Das Prinzip der Crowdfinanzierung ist einfach: Internetnutzer wählen auf einer spezialisierten Website ein Projekt oder ein Gründungsvorhaben aus und stellen für dessen Realisierung mehr oder minder kleine Geldbeträge zur Verfügung. Dieses Verfahren hat innerhalb nur weniger Jahre immer mehr Anhänger gefunden. Entsprechend vielfältig ist auch das Angebot an Online-Plattformen, die Geldgeber und Projekte bzw. Start-ups zusammenbringen. Vielfältig sind auch die Begrifflichkeiten, die rund um diese neue Finanzierungsform kursieren. Am häufigsten verbreitet sind:

Crowdfunding

Dabei handelt es sich um Finanzierungsbeiträge für soziale, kulturelle, künstlerische, ökologische u.a. Projekte. Die Internetcommunity finanziert mit ihrem Geld zum Beispiel eine Konzertveranstaltung, die Produktion eines Films oder einer Musik-CD, die Recherche für ein Buch oder auch die Kleiderherstellung für ein junges Modelabel. Im Prinzip ist jede Idee willkommen. Entscheidend ist, dass die Internetcommunity sie für unterstützenwert hält. Als Gegenwert erhalten die Geldgeber kein Geld, sondern nicht-monetäre Danksagungen wie beispielsweise die Nennung auf der Homepage oder die Zusendung von Eintrittskarten, CDs oder Gutscheinen.

Für freiberuflich Kreative und Medienschaffende kann Crowdfunding eine einfache und schnelle Möglichkeit sein, das notwendige Startkapital für ein Projekt oder Werk zu bekommen. Sobald es mit Hilfe des nötigen „Kleingeldes“ fertiggestellt ist, kann es kommerziell verwertet werden.

Crowdlending

Lending-Plattformen vermitteln Mikrodarlehen an Selbständige oder auch für private Zwecke. In der Regel brauchen keine Sicherheiten hinterlegt zu werden. Bei den Kreditgebern handelt es sich um Privatpersonen, die als Gegenleistung die verzinste Rückzahlung ihres Anteils erhalten.

Crowdinvesting

„Crowdinvesting ist für Gründungsvorhaben mit einem Kapitalbedarf, der für Familie und Freunde zu groß, für Venture-Capital-Gesellschaften zu klein und für Banken zu riskant ist“, fasst es Dr. Lars Hornuf von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zusammen. Im Unterschied zum Crowdfunding beteiligen sich beim Crowdinvesting Investoren und/oder Kleinanleger an jungen Unternehmen. Sie erwarten dafür einen Anteil am Gewinn oder Unternehmenswert. An der Humboldt-Universität Berlin (HUB) hat man bereits Erfahrungen mit der Finanzierung von Start-ups durch Crowdinvesting gesammelt. Dazu Volker Hofmann von der Humboldt-Innovation (HI), der Wissens- und Technologietransfergesellschaft der HUB: „Bei einem unserer Start-ups haben sich innerhalb kürzester Zeit 800 Investoren gefunden, die sich mit insgesamt 250.000 Euro beteiligt haben. Ein anderes Gründungsvorhaben konnte innerhalb von 131 Minuten 100.000 Euro einsammeln. Bei dieser Vielzahl von Investoren funktionieren die Rechte, Pflichten und Entscheidungsmitsprachen natürlich anders als bei einer Beteiligung durch einen Business Angel oder eine Venture-Capital-Gesellschaft. In der Regel handelt es sich um eine stille Beteiligung oder neuerdings um partiarische, also gewinnabhängige, Nachrangdarlehen, bei denen man Informationsrechte hat, aber keinen Einfluss auf das operative Geschäft.“

Einige Anbieter bündeln die Beteiligungen, so dass die Start-ups nur einen einzigen Beteiligungsvertrag mit den Betreibern der Online-Plattform abschließen. Das Procedere unterscheidet sich von Plattform zu Plattform, genauso wie die Zielgruppen, die die Betreiber ansprechen: Die einen arbeiten branchenunabhängig, andere setzen auf technologieorientierte, schnell wachsende und renditestarke Start-ups, wieder andere auf kleine gewerbliche Vorhaben. Gemeinsam ist ihnen, dass die Gründungskonzepte vorab von den Betreibern geprüft werden.

Über 800 Investoren und ein Start-up

Video: "Erfolgreicher Stabwechsel": Autohaus Karl Russ GmbH & Co.KG
Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Nach Einschätzung der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) könnte Crowdinvesting im Bereich der Frühfinanzierung von Gründungen eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Allerdings müssen dazu laut EFI noch rechtliche Fragen geklärt werden. Zum Beispiel, ob und wie die Anforderungen der Prospektpflicht erfüllt werden können. Die gesetzlich geregelte Prospektpflicht beinhaltet Auflagen an das Unternehmen, dem Anleger alle relevanten Informationen zur Verfügung zu stellen, die mit einer stillen Beteiligung im Zusammenhang stehen. Von Bedeutung ist auch die Frage, wie sich die staatliche Gründungsförderung mit Crowdinvesting kombinieren lässt und wie es sich auf die Akquise möglicher Folgefinanzierungen auswirkt.

Start-up-Finanzierung über Crowdinvesting

Untersucht wurden 11 Crowdinvesting-Plattformen, die mindestens ein Gründungsvorhaben mit Beteiligungskapital erfolgreich finanziert haben. Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU): LMU Forschungsdatenbank Crowdinvesting. Mai 2013.

Vorteile einer Crowdfinanzierung

Natürlich kann jeder Gründer und jede Unternehmerin auch über die eigene Website versuchen, Geldgeber zu finden. Crowdinvesting- und Crowdfundingplattformen bieten aber den Vorteil, wesentlich mehr potenzielle Geldgeber anzusprechen. Ein weiterer Vorteil ist der Marketingeffekt, so Volker Hofmann: „Wenn ich Hunderte von Investoren habe, die Summen zwischen fünf und fünftausend Euro ausgeben, dann haben die auch alle ein Interesse daran, dass dieses Unternehmen oder dieses Projekt Erfolg hat. Die reden in ihrem Umfeld oder ihren Netzwerken darüber. Und so erreicht man ziemlich schnell einen Marketingeffekt.“ Idealerweise erhalten Start-ups auf diese Weise auch Zugang zu Netzwerken, fachlichem Input oder hilfreichen Ansprechpartnern.

Ein weiterer Vorteil ist: Die Bereitschaft, privater Internetnutzer, Geld in ein junges Unternehmen oder Projekt zu stecken, nimmt zu. „Durch die geringen Beträge wird die webbasierte Unternehmensfinanzierung über die Internet-Community massentauglich“, so Volker Hofmann. Für die Zukunft sieht er allerdings die Betreiber der Crowdinvestingplattformen in der Pflicht, mehr noch als bisher Prozesse und Strukturen aufzubauen, die den Investoren gegenüber deutlich  machen, welche Chancen und Risiken mit den einzelnen Start-ups verbunden sind.

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