„Die Zukunft gehört den Gründerinnen und Gründern ab dem mittleren Alter.“

Interview mit Dr. Noemí Fernández Sánchez

Portraitfoto Dr. Noemí Fernández Sánchez

Dr. Noemí Fernández Sánchez
Projektleiterin im RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft e. V.
(Bildrechte: privat)

So bringt Dr. Noemí Fernández Sánchez die Ergebnisse der aktuellen RKW-Studie „Gründerinnen und Gründer ab dem mittleren Alter: Schlüsselfaktor für die Wirtschaft“ auf den Punkt. Im Interview erklärt die Projektleiterin im RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft e.V., warum die Gründerinnen und Gründer „45 plus“ im Gründungsgeschehen eine immer wichtigere Rolle spielen.

Frau Dr. Fernández Sánchez, über wen sprechen wir, wenn es um Gründerinnen und Gründer ab dem mittleren Alter geht?

Dr. Fernández Sánchez: Wir reden hier im Prinzip über drei verschiedene Altersgruppen: Da gibt es zunächst die Altersgruppe der 45- bis 55-Jährigen, die noch mitten im Erwerbsleben stehen oder ins Erwerbsleben zurückkehren möchten. Dann gibt es die Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen, die nicht selten über berufliche Alternativen nachdenkt. Und schließlich die Altersgruppe „65 plus“, die bereits im Rentenalter ist. Wir sprechen also über eine sehr heterogene Gruppe, nicht nur was das Alter betrifft. Interessant ist dabei vor allem die Gruppe der Babyboomer, die heute 45- bis 55-Jährigen.

Weil die in der Gründungsstatistik in den nächsten Jahrzehnten an Bedeutung zunehmen wird?

Dr. Fernández Sánchez: Ja, denn im Vergleich zu früheren Generationen sind diese Menschen heute viel gesünder und leistungsfähiger. Aus diesem Grund bevorzugen wir den Begriff „Gründer ab dem mittleren Alter“ anstatt den bisher meistgebrauchten „ältere Gründer“. Viele befinden sich mit Anfang 50 beruflich mitten im Leben und haben einfach Lust, sich beruflich neu zu orientieren und noch einmal etwas Neues auszuprobieren. Sie sind in der Regel gut ausgebildet, blicken auf langjährige Berufserfahrungen im Angestelltenverhältnis zurück und sind zum Teil in Führungspositionen tätig. Andere wiederum sind arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht und haben wenige Chancen eine angestellte Beschäftigung zu finden. Für die ist eine Existenzgründung der einzige Weg, um beruflich noch einmal Fuß zu fassen. In dieser Hinsicht müssen wir konkretisieren, dass insbesondere bei den Gründerinnen und Gründern „45 plus“ der Anteil der erfolgversprechenden Gründungen gestiegen ist, während der Anteil der Gründer aus der Arbeitslosigkeit zurückgegangen ist.

Darüber hinaus gibt es in der Altersgruppe auch viele Frauen, die nach einer längeren Familienphase wieder in die Berufstätigkeit einsteigen und ihr Leben neu gestalten möchten. Überhaupt ist der Anteil der Gründerinnen ab dem mittleren Alter vergleichsweise hoch. Viele berufstätige Frauen streben mit der Gründung nach Selbstverwirklichung und beruflicher Anerkennung.

Eine weitere Gruppe, die tendenziell eine immer stärkere Bedeutung in der Gründungslandschaft bekommt, sind die über 65-Jährigen, die im Rentenalter gründen.

Insgesamt gehen die Gründungszahlen aber doch zurück. Welche Rolle spielen da diese Gründer?

Dr. Fernández Sánchez: Wir beobachten seit über 10 Jahren eine rückläufige Entwicklung. Dabei gehen nicht nur die Gründungszahlen zurück, sondern als Folge der demografischen Entwicklung auch der Anteil der jüngeren Menschen zwischen 18 und 24 Jahren. Das hat zur Folge, dass heute die meisten Gründer zwischen 35 und 45 Jahre alt sind. Allerdings stellen die über 45-Jährigen schon fast ein Drittel der gesamten Gründerinnen und Gründer in Deutschland. Tendenz steigend – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern.

Die über 45-Jährigen stellen schon fast ein Drittel der gesamten Gründerinnen und Gründer in Deutschland.

Ist diese Entwicklung branchenübergreifend?

Dr. Fernández Sánchez: Mal weniger, mal mehr. Interessant ist beispielsweise der Hightech-Bereich. In der Öffentlichkeit herrscht ja meist das Bild des jungen Hightech-Gründers vor, der nach seinem Hochschulabschluss sein Start-up auf den Weg bringt. Tatsächlich sieht es aber ganz anders aus. Während der Altersdurchschnitt bei Gründern in Deutschland mittlerweile bei 41 Jahren liegt, ist der Durchschnittsgründer im Hightech-Bereich - ohne die Informations- und Telekommunikationstechnologien - sogar schon 45 Jahre. Das liegt nicht zuletzt daran, dass in dieser Branche eine besondere Kompetenz und langjährige Erfahrung sowie hohe Anfangsinvestitionen für den Start von Gründungsprojekten notwendig sind.

Ist es das, womit ältere Gründer punkten: Kompetenz und langjährige Erfahrung?

Dr. Fernández Sánchez: Nicht nur. Es gibt insbesondere drei Pluspunkte, bei denen die Gründerinnen und Gründer der Altersgruppe „45 plus“ die Nase vorn haben. Das ist einmal die Berufs- und Lebenserfahrung. Gerade die Lebenserfahrung und die gewachsenen sozialen Kompetenzen können sich sehr positiv auf die Gründung auswirken. Dazu kommt die gute Vernetzung. Und außerdem verfügen diese Gründer in der Regel über genug Eigenkapital. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass diese Besonderheiten in vielen Fällen dazu führen, dass die Erfolgschancen von Gründungen mit dem Alter steigen. Diese Unternehmen bleiben langfristig am Markt.

Das hört sich alles gut an. Aber gibt es auch eine Kehrseite der Medaille?

Dr. Fernández Sánchez: Es ist natürlich nicht alles rosarot. Laut einer Umfrage des RKW werden vor allem die folgenden Punkte als problematisch empfunden: Zu wenig unternehmerisches Know-how, also Defizite bei der Kundengewinnung, beim Marketing und Vertrieb, beim Controlling und Rechnungswesen. Und – wenn auch nicht bei allen - fehlendes Eigenkapital. Dazu kommt die in Deutschland weit verbreitete Angst, mit seinem Unternehmen zu scheitern.

Welche Rolle spielt das Bild älterer Menschen in der Gesellschaft?

Dr. Fernández Sánchez: In Deutschland ist immer noch das Klischee der abnehmenden Leistungsfähigkeit älterer Menschen verbreitet. Diese Art von Klischees sowie die unzureichende gesellschaftliche Anerkennung, die bis zur Altersdiskriminierung reichen kann, sowie die fehlenden Vorbilder führen dazu, dass ältere Menschen, auch wenn sie ein großes Gründungspotenzial mitbringen, entmutigt werden. Wir haben es also mit „mentalen“ Gründungsbarrieren zu tun, die durch gesellschaftliche Vorurteile entstehen und ein Gründungsvorhaben verhindern oder gefährden können. Wenn wir uns zum Beispiel die USA ansehen, da spielt das Alter in der Gründungsdiskussion überhaupt keine Rolle.

Während das Bild des Unternehmers in Deutschland ja durchaus eher dem älteren erfahrenen Menschen entspricht, muss der Gründer dagegen jung sein.

Dr. Fernández Sánchez: Ja, aber dieses Bild entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Berufsbiografien werden immer flexibler und geradlinige Karrierewege seltener. Ich denke schon, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird und nicht mehr die Frage des Alters, sondern die Kompetenzen und die Wertehaltung, im Mittelpunkt stehen. Im Moment müssen wir diese Entwicklung noch etwas anschieben, um die Öffentlichkeit für Gründerinnen und Gründer ab dem mittleren Alter und damit auch ältere Gründerinnen und Gründer zu sensibilisieren. Die Europäische Union hat zum Beispiel den Trend zu mehr Gründungen in den mittleren Jahren und im Alter erkannt und im Aktionsplan Unternehmertum 2020 der Europäischen Kommission entsprechende Maßnahmen formuliert.

Weitere Informationen und Downloads

Ende