Interview mit Anita Weiß, Moda di due

„So ist das eben. Manche begeben sich in diesem Alter in den Ruhestand, und andere starten nochmal durch.“

Mit Ende 50 ist Anita Weiß ins Modegeschäft eingestiegen. Für die ehemalige Personalleiterin eine vollkommen neue Aufgabe. Ihren Schritt in die Selbständigkeit hat sie nicht bereut.

Frau Weiß, Sie haben vor etwa einem Jahr ein Modegeschäft übernommen. Was ist das für ein Geschäft?
Weiß:
Ich verkaufe hochwertige Markenmode bis hin zu Luxuslabels für Damen. Und zwar secondhand. Insofern unterscheide ich mich von den üblichen Secondhand-Geschäften, die eher Ware im Niedrigpreissektor anbieten.

Sie waren fast 60 Jahre alt, als Sie sich selbständig gemacht haben. Was waren die Gründe dafür?
Weiß:
Letztendlich war es die Arbeitslosigkeit. Ich war vorher Personalleiterin in einem mittelständischen Unternehmen und wurde aus betriebsbedingten Gründen gekündigt. Es war klar, dass ich auf dem Arbeitsmarkt in meinem Alter keine Chance mehr hatte. Also habe ich mit dem Gedanken gespielt, mich selbständig zu machen. Natürlich hätte ich das aufgrund meiner beruflichen Erfahrungen auch als Personalberaterin tun können, aber letztendlich war die Übernahme eines schon bestehenden Geschäfts die bessere Entscheidung: Der Kundenstamm war vorhanden, das Geschäft war bereits bekannt und hatte einen guten Namen, und den finanziellen Aufwand konnte ich durch eigene Rücklagen bestreiten.

Wie sind Sie auf das Geschäft aufmerksam geworden?
Weiß:
Dass die damalige Inhaberin eine Nachfolgerin suchte, hatte ich durch Zufall gehört. Ich bin dann auf sie zugegangen. Und nachdem wir beide festgestellt hatten, dass wir uns ganz sympathisch sind, habe ich erst einmal für sechs Monate als geringfügig Beschäftigte mitgearbeitet, um zu sehen, ob das überhaupt etwas für mich ist. Ich bin zwar modeinteressiert, aber der Einzelhandel war für mich komplettes Neuland.

Die Inhaberin, deren Geschäft Sie übernommen haben, war fast im selben Alter wie Sie.
Weiß:
So ist das eben. Manche begeben sich in diesem Alter in den Ruhestand, und andere starten nochmal durch. Für mich ist das eine sehr interessante Aufgabe. Außerdem liegt mir die Selbständigkeit, weil ich bereits vor mehreren Jahren mit meinem ehemaligen Mann ein Unternehmen gegründet hatte, das heute noch erfolgreich ist. Insofern bin ich da positiv geprägt.

Wie ging es dann weiter? Wie haben Sie sich auf die Übernahme vorbereitet?
Weiß:
Ich habe mich zunächst von der Agentur für Arbeit beraten lassen und ausführlich mit meiner Ansprechpartnerin über mein Vorhaben gesprochen. Ich konnte da schon erste grobe Zahlen meiner Vorgängerin vorlegen, die deutlich machten, wie erfolgreich das Geschäft war. Nachdem ich das Okay der Arbeitsagentur hatte, ging es an den Businessplan. Geholfen hat mir dabei mein Sohn, der ist Betriebswirt. Außerdem habe ich ein von der Agentur für Arbeit gefördertes Existenzgründungsseminar eines privaten Weiterbildungsanbieters besucht. Als ich meinen Businessplan dann soweit fertig hatte, wurde er von der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar geprüft und für gut befunden. Daraufhin habe ich den Gründungszuschuss erhalten. Das war alles relativ unkompliziert.

Die Frage der Sozialversicherung spielt bei einer Gründung auch eine wichtige Rolle. Wie war das bei Ihnen?
Weiß:
Ich habe mich von der gesetzlichen  Rentenversicherung beraten lassen. Dabei hat sich herausgestellt, dass es sich für mich nicht lohnen würde, weiter Beiträge einzuzahlen, wenn ich mich selbständig mache. Gemessen an dem was ich einzahle, macht sich das später bei der Rente kaum bemerkbar. Meine Rentenbeitragszahlungen ruhen daher. Das heißt, ich muss mir noch über eine weitere Absicherung im Alter Gedanken machen.
Bei der gesetzlichen Krankenversicherung bin ich freiwillig versichert. Und was die Arbeitslosenversicherung angeht, habe ich für alle Fälle zu Beginn meiner Selbständigkeit die freiwillige Arbeitslosenversicherung bei der Agentur für Arbeit abgeschlossen.

Wie haben die Kunden reagiert, als Sie dann schließlich das Geschäft übernommen haben?
Weiß:
Die Kunden sind mir alle treu geblieben. Außerdem konnte ich noch weitere, vor allem jüngere Kunden hinzugewinnen, weil ich mein Sortiment entsprechend erweitert habe. Insgesamt habe ich inzwischen mit Kunden zwischen 30 und 70 Jahren zu tun. Und ich habe zu allen ein gutes, zu vielen sogar ein sehr herzliches Verhältnis. Das Alter spielt da weder bei mir noch bei meinen Kundinnen eine Rolle.

Bringt Ihnen Ihr Alter auch bestimmte Vorteile bei Ihrer Selbständigkeit?
Weiß:
Auf jeden Fall. Man ist im höheren Alter belastbarer, was Frustrationen betrifft. Ich bin einfach insgesamt gelassener, weil ich aus Erfahrung weiß, dass sich letztlich alles regeln und richten lässt.

Wie ist es bisher gelaufen? Und wie sehen Ihre nächsten unternehmerischen Schritte aus?
Weiß:
Es ist super angelaufen. Ich habe sogar die Umsatzzahlen um einiges verbessern können. Das gibt mir persönlich die Bestätigung, egal in welchem Alter man ist, noch alles Mögliche auf die Beine stellen zu können. Zukünftig werde ich den Bereich der größeren Konfektionsnummern ausbauen. Außerdem denke ich daran, eine Modenschau im Secondhand-Bereich durchzuführen. Und um bestimmte Artikel aufzustocken, plane ich eine Kooperation mit ortsansässigen Textilgeschäften. Das Suchmaschinenmarketing für meine Internetpräsenz muss ich intensiver betreiben. Und auch sonst werde ich mehr Werbung machen, ob über Anzeigen oder Kfz-Werbung. Das sind erst einmal die nächsten Schritte und dann sehen wir weiter.

Was würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern in Ihrem Alter raten?
Weiß:
Diejenigen, die aus der Arbeitslosigkeit starten, sollten sich nicht aufgrund ihres Alters entmutigen lassen, sondern sich nach ihrem Gefühl richten. Wer genug Energie hat, sollte sie auch einsetzen und sich nicht von einer bloßen Zahl wie der Altersangabe schrecken lassen. Das ist das Allerwichtigste, dass man sein Selbstwertgefühl nicht verliert. Sonst ist man wie gelähmt und kommt nicht mehr auf die Beine.

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