Gründerinterview

Lothar Hunshelm, CSE Management- und Engineer-Consulting

„Ich halte es für sehr wichtig, authentisch zu bleiben und sich nicht zu verbiegen, weil man meint, mit einem 30-Jährigen konkurrieren zu müssen.“

Mit 63 Jahren hat sich Lothar Hunshelm als Unternehmens- und Systemberater selbständig gemacht. Zuvor war der Diplom-Ingenieur in leitender Position bei Siemens angestellt. Heute ist er seit knapp vier Jahren als Unternehmens- und IT-Berater erfolgreich.

Herr Hunshelm, Sie waren vor Ihrer beruflichen Selbständigkeit 40 Jahre in leitender Position tätig. Wie wichtig sind diese Erfahrungen für Ihre Selbständigkeit heute?
Hunshelm:
Sie sind der Grund dafür, dass ich mich selbständig gemacht habe. Und sie sind selbstverständlich das Fundament meiner jetzigen beiden Geschäftsfelder  Zum einen berate ich mittelständische Unternehmen und biete ihnen für ihre strategische Planung und Umsetzung Instrumente aus der Konzernwelt an. Damit können sie Entscheidungen noch qualifizierter treffen und erfolgreich in ihren Unternehmen umsetzen. Zum anderen betreue ich IT-basierte Integrationslösungen für Leitstellen, wie zum Beispiel für die Einsatzzentralen großer Feuerwehren, Industrieunternehmen oder Flughäfen.

Im IT-Markt sind viele jüngere Wettbewerber aktiv, die mit dem Internet groß geworden sind. Haben Sie da eine Chance?
Hunshelm:
Bei der Antwort auf diese Frage darf man sich natürlich nicht überschätzen. Im Gegenteil: Ich halte es für sehr wichtig, authentisch zu bleiben und sich nicht zu verbiegen, weil man meint, mit einem 30-jährigen IT-Freak konkurrieren zu müssen. Man muss ganz klar sein eigenes Leistungsportfolio herausarbeiten. Als klar war, dass ich mich beruflich selbständig machen werde, habe ich mich gefragt, wo meine Stärken liegen und was potenzielle Auftraggeber brauchen. Was kann ich anbieten? Was mache ich besser als jüngere Leute?
Als Angestellter war ich immer up-to-date mit den aktuellen technischen Anforderungen und wusste, wie Lösungen aussehen müssen, wenn es um die Einführung von neuen Verfahren ging. Natürlich sorge ich dafür, dass ich nach wie vor fachlich auf dem aktuellen Stand bin und nutze Weiterbildungsangebote oder tausche mich mit anderen Unternehmern aus. Das ist selbstverständlich. Das erwarten Auftraggeber ohnehin. Aber meine Stärke ist vor allem, dass ich mich auch mit technischen Anwendungen auskenne, die vor 15, 20 Jahren oder früher eingesetzt wurden. Im letzten Jahr hatte ich zum Beispiel den Auftrag, ein größeres Gutachten für einen bestehenden Flughafen zu erstellen. Die Geschäftsführung wollte wissen, wie man die vorhandene Technik mit neuen IT-Lösungen vernünftig zusammenbringen kann. Das war so ein Fall, bei dem ich gegenüber jüngeren Kollegen ganz klar im Vorteil war.

Sie waren als Angestellter in leitender Position. Bis zur Rente waren es nur noch ein paar Jahre. Warum haben Sie sich überhaupt selbständig gemacht?
Hunshelm:
Letztlich bin ich mit 63 aus dem Betrieb ausgeschieden, weil es so gut wie keine Kollegen mehr in meinem Alter gab. Außerdem standen betriebliche Umstrukturierungen an, die mir signalisiert haben, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, etwas anderes anzupacken. Ich bin also nicht ausgeschieden, weil ich nicht mehr arbeiten wollte oder frustriert war – ganz im Gegenteil –, sondern mit dem Bewusstsein, dass das eine tolle Zeit war. Mein Beruf bedeutete für mich immer viel Lebensqualität. Ich war mit Menschen zusammen, hatte Verantwortung und viel Freude an meiner Arbeit. Diese Erfahrung habe ich mitgenommen.

Dass ich mich dann für den Weg in die Selbständigkeit entschieden habe, hatte verschiedene Gründe. Aber das folgende Erlebnis hat dann doch den Ausschlag gegeben: Als ich mit 62 erstmals mit dem Gedanken gespielt hatte, noch einmal etwas Neues anzupacken, sprach ich zunächst mit einem befreundeten Unternehmer über eine mögliche Mitarbeit. Die Antwort war sehr positiv. Als es dann allerdings ums Geld ging, hieß es: „Ich dachte, ich würde Ihnen einen Gefallen tun, damit Sie nicht immer zu Hause sitzen müssen und auch mal raus kommen.“ Da war mir klar: Du bist über 60, möchtest arbeiten und wirst in diese „Rentner-Schublade“ gesteckt. Insofern war die Selbständigkeit für mich eine gute Möglichkeit, um aus diesem Klischee auszubrechen.

Wie ging es dann weiter? Wie haben Sie sich auf Ihre Gründung vorbereitet?
Hunshelm:
Ich hatte als leitender Angestellter unternehmerische Verantwortung, so dass mir die unternehmerische Denke und Anforderungen vertraut waren. Ich war mir auch sehr bewusst darüber, dass ich als freiberuflicher Unternehmens- und Systemberater vorwiegend auf mich allein gestellt sein würde und nur auf das würde zugreifen können, was ich selber erwirtschafte. Im Unterschied zu meiner Zeit als leitender Angestellter, wo ich zum Beispiel Visitenkarten oder Briefbögen einfach angefordert habe, wenn ich sie brauchte. Von daher habe ich meine Ansprüche erst einmal ganz realistisch nach unten gesetzt.

Insgesamt habe ich mich dann ein gutes Jahr mit dem Gründungsthema intensiver auseinandergesetzt. Unter anderem habe ich zum Beispiel eine sehr gute Gründungsveranstaltung der Industrie- und Handelskammer Wuppertal besucht. Dabei war ich eigentlich davon ausgegangen, dass ich dort der Älteste sein würde und war ganz erstaunt, dass es bei den Teilnehmern eine Bandbreite von sehr jung bis deutlich älter als ich gab. Das hat mir Mut gemacht. Die Altersfrage war überhaupt kein Thema. Insofern habe ich mich auch nicht als Fremdkörper gefühlt. Ich habe dann einen ausführlichen Businessplan geschrieben und recherchiert, wo meine Märkte sind, welche Wettbewerber ich habe, welche Kosten und Einnahmen ich voraussichtlich haben werde und welche Ziele ich mir stecken will. Ich habe bei meinen Vorbereitungen festgestellt, dass man auf zahlreiche Einrichtungen zurückgreifen kann, wenn man sich selbständig machen will: Ob die IHK, die Wirtschaftsförderung, das Technologiezentrum oder auch die Hochschule: Man findet eigentlich für jede Frage einen Ansprechpartner.

Sie haben auch den Gründungszuschuss von der Bundesagentur für Arbeit beantragt?
Hunshelm:
Ja, ich hatte zwar eine Firmenpension in Aussicht, bezog aber noch keine gesetzliche Altersrente. Die wollte ich erst mit 65 Jahren in Anspruch nehmen. Vorher hätte ich zwischen 63 und 65 Jahren nur ein paar hundert Euro im Monat hinzuverdienen dürfen. Insofern war ich auf den Gründungszuschuss angewiesen. Also habe ich meinem Ansprechpartner in der Arbeitsagentur mein Gründungsvorhaben vorgestellt und meinen von der IHK geprüften Businessplan vorgelegt. Daraufhin wurde mein Antrag bewilligt. Das war natürlich sehr positiv. Überhaupt bin ich dort außerordentlich korrekt behandelt worden.

Haben Sie bei allen Behörden diese positiven Erfahrungen gemacht?
Hunshelm:
Nicht ganz. Zum Beispiel wollte ich von der Deutschen Rentenversicherung wissen, ob ich in meinem Alter als Selbständiger noch in die Rentenversicherung einbezahlen muss oder nicht. Das wollte ich unbedingt vorher wissen, auch für meinen Finanzplan, denn schließlich kommen da schnell mal etwa 12.000 Euro im Jahr an Beiträgen zusammen. Trotzdem hieß es zunächst: Fangen Sie erst mal an, und nach zwei Jahren gucken wir mal. Dass sich jemand mit 63 noch selbständig machen will, konnten sich die Mitarbeiter dort nicht vorstellen. Das hat viel Zeit und Energie gekostet, aber schließlich habe ich dann die Nachricht erhalten, dass ich nicht beitragspflichtig bin.
Ähnlich war es auch bei meiner gesetzlichen Krankenversicherung, die mich als Rentner führen wollte. Das war natürlich für mich unmöglich und wäre für meine Selbständigkeit ein K.-o.-Kriterium gewesen. Jeder größere Auftraggeber, bei dem ich mich bewerbe, holt Auskünfte über mich ein. Und wenn ich als Rentner geführt werde, kann ich den Auftrag vergessen. Nach einem größeren Kraftakt wurde ich dann schließlich als selbständiger Unternehmer eingestuft.

Sie sind jetzt 67 Jahre alt. Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Leistungsfähigkeit nachgelassen hat?
Hunshelm:
Man ändert sich ohne Zweifel. Aber ich fühle mich nach wie vor fit. Hinzu kommt: Was ich früher mehr mit Kraft und weniger Erfahrung gemacht habe, kann ich heute durch mehr Erfahrung und vielleicht etwas weniger Einsatz lösen. Da kommt mir meine Berufs- und Lebenserfahrung zu Gute, auch was den Einklang zwischen beruflicher Belastung und persönlichem Wohlbefinden betrifft. Das wurde bei meinem früheren Arbeitgeber oft trainiert, insofern weiß ich mir schon zu helfen. Aber meine Selbständigkeit bietet mir da noch mehr Möglichkeiten. Als Angestellter ist man doch in einem festen Rahmen. Heute bin ich nur mir und meinen Kunden gegenüber verpflichtet und kann mir die gewünschte freie Zeit nicht zuletzt dank Smartphone, Notebook und Skype eher nehmen als früher.

Denken Sie daran, einen jüngeren Geschäftspartner einzubinden, der Ihr Unternehmen vielleicht irgendwann übernimmt?
Hunshelm:
Das ist ein wichtiger Punkt. Gerade bei meiner Tätigkeit denkt man eigentlich eher langfristig. Ich will und kann aber nicht die nächsten 20 Jahre noch unternehmerisch aktiv sein. Außerdem kann man nicht ausschließen, dass man irgendwann mal ein Projekt nicht weiterführen kann. Andererseits steht man gegenüber den Auftraggebern im Wort. Wenn ich einen großen Konzern bediene, übernehme ich die Verantwortung dafür, dass der Auftrag auch wie vertraglich vereinbart ausgeführt wird. Deshalb war es für mich wichtig, einen Partner zu haben, der die Dinge notfalls weiterführen kann. Ich arbeite daher mit einem seit vielen Jahren sehr erfolgreich tätigen Büro für Kommunikations- und IT-Integration zusammen. Der Inhaber profitiert von meinen Kontakten und Branchenkenntnissen, und ich kann im Gegenzug bei größerem Arbeitsumfang sein Büro nutzen. Darüber hinaus gibt es dort einen jüngeren Partner. Der ist Mitte 40 und freut sich über meine Verbindungen, meine Kontakte und meine Aufträge, die er dann möglicherweise einmal übernehmen wird.

Bildrechte: L. Hunshelm, CSE

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