„Wir müssen so attraktiv sein, dass wir tatsächlich die Ausbildungsbewerber und auch die Fachkräfte bekommen, die wir suchen.“

Interview mit Andrea Gießelmann

Portraitfoto Andrea Gießelmann

Andrea Gießelmann
Gießelmann Konditorei-Café-Bäckerei
(Bildrechte: Gießelmann)

Frau Gießelmann, Sie betreiben mit Ihrem Mann seit 2010 eine Bäckerei und Konditorei mit sieben Filialen, zwei davon haben zusätzlich ein Café Wer erledigt bei Ihnen die Arbeit?

Gießelmann: Wir haben 60 bis 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Kerngeschäft sind hauptsächlich Bäcker und Konditoren bei uns tätig, außerdem beschäftigen wir natürlich auch noch Verkäuferinnen und Reinigungskräfte.

Sie hatten Probleme, Fachkräfte zu finden. Woran lag das?

Gießelmann: Das lag speziell in der Vergangenheit daran, dass immer wieder viele der jungen Leute, mit denen wir zusammengearbeitet haben, weggezogen sind. Außerdem haben wir uns bei der Suche nach Bäckern und Konditoren schwer getan. Wir bekamen nicht einmal Auszubildende, mit denen wir uns unsere Fachkräfte hätten selber heranziehen konnten. Im Verkauf ging es immer noch. Aber in der Produktion war es schwierig, weil die Bäcker unter der Woche bei uns um zwei Uhr nachts anfangen. Darum ist der Beruf generell nicht sehr beliebt. Außerdem wohnen wir auch nicht in einer superattraktiven Stadt, sondern auf dem Land. Da muss man schon einen Grund haben, hierher ziehen zu wollen. Mit unserem Umfeld konnten wir nicht unbedingt punkten. 

Wie haben Sie auf den Engpass reagiert?

Gießelmann: Wir haben uns gesagt: Wir müssen so attraktiv sein, dass wir tatsächlich die Ausbildungsbewerber und auch die Fachkräfte bekommen, die wir suchen. 

Was haben sie unternommen, um für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter attraktiver zu werden?

Gießelmann: Wir haben es geschafft, unserem Betrieb mit vielen verschiedenen Maßnahmen ein positives Image zu geben. Wir verwenden zum Beispiel seit einiger Zeit nur noch regionale Zutaten – gute Qualität, nach alten Hausrezepten bieten wir ohnehin schon immer an. Außerdem beziehen wir Strom aus erneuerbaren Energien. Und all das machen wir in unserer Werbung und im Internet bekannt. Wir fördern soziale Projekte, worüber die Zeitungen berichten. Wir haben auch schon Projekte mit Schulen veranstaltet und das Freibad unterstützt. Daraufhin kam dann das Fernsehen zu uns. Und gleichzeitig stellen wir dabei immer auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Fokus, die an diesen „guten Taten“ ja beteiligt sind. Von denen hängen Bilder in unseren Cafés: Bäcker, Konditoren, Verkäufer, Fahrer oder Azubis bei der Arbeit. Da sieht man: Wir sind nicht nur irgendeine Firma, sondern das sind all die Menschen, die hier arbeiten, die sogar nachts arbeiten und die die gute Qualität schaffen, die man von uns kennt. Und die Mitarbeiter sind stolz darauf, dass sie zu uns gehören. Und natürlich auch, wenn sie im Internet oder in der Zeitung stehen. Alle diese Informationen haben wir übrigens auch in unseren Internetauftritt eingebaut. Weil sich gerade da speziell junge Leute, die für uns als Azubis in Frage kommen könnten, über ein Unternehmen informieren. Und da ist es wichtig, eine gute Internetseite zu haben.

Wir bekommen Ausbildungs-Bewerbungen aus ganz Deutschland, die würden für die Ausbildung sogar hierher ziehen.

Was ist gut an Ihrer Internetseite?

Gießelmann: Erst einmal, dass wir überhaupt eine haben. Viele Handwerksunternehmen haben nämlich keine Internetseite. Und dann sehen Sie dort unsere Auszubildenden. Da stehen die Vornamen: Emma – Verkauf, Dennis – 2. Lehrjahr Bäcker und so weiter. Damit die Leser mitbekommen: Guck mal, die bilden ja regelmäßig aus. Oder wenn die Bäcker eine Prüfung mit Erfolg absolviert haben, erscheint das auch im Internet. Außerdem steht ein Zitat von mir auf der Webseite, dass wir fantastische Mitarbeiter haben, die ihren Beruf lieben und so weiter. Das bindet die Mitarbeiter an das Unternehmen. Ich pflege aktuelle Sachen übrigens selber direkt ein, auch bei Facebook.

Wirkt es schon?

Gießelmann: Und wie. Bei uns fragen beispielsweise mittlerweile Bäcker und Konditoren an, die bei uns arbeiten und noch was dazulernen wollen. Und wir bekommen viele Ausbildungs-Bewerbungen aus ganz Deutschland, die würden für die Ausbildung sogar hierher ziehen. Der Krankenstand ist bei uns nur halb so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Und so schnell geht keiner mehr weg, die Fluktuation ist sehr zurückgegangen. 

Bilden Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch weiter?

Gießelmann: Ja, auf alle Fälle. Die gehen immer wieder auf Seminare und Schulungen. Die Bäcker besuchen beispielsweise Brot-Seminare, um zu lernen, wie man glutenfreies Brot für Allergiker herstellt. Oder wenn wir Weihnachten ausgefallene Stollen ausprobieren wollen, gehen wir vorher auf ein Stollen-Seminar. 

Hat Ihre Imagepflege eigentlich reibungslos funktioniert?

Gießelmann: Im Großen und Ganzen ja. Dazu muss man sagen: Wir haben den Betrieb im Jahr 2010 übernommen, mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Problematisch war am Anfang, dass wir ihnen im Zusammenhang mit den vielen verschiedenen Maßnahmen mehr Verantwortung übertragen haben. Das waren sie nicht gewöhnt, sie kannten eher noch einen autoritären Führungsstil. Das lag dem einen mehr, dem anderen weniger. 

Was waren rückblickend die wichtigsten Zutaten zu Ihrem erfolgreichen Personalrezept?

Gießelmann: Unser positives Image. Und dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufrieden und stolz darauf sind, in genau diesem Unternehmen zu arbeiten. Das spricht sich herum. Und dadurch kommen auch wieder neue Bewerber. 

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