„Kleine und mittlere Unternehmen betreiben oft keine strategische Personalentwicklung.“

Interview mit Dr. Susanne Seyda

Portraitfoto Dr. Susanne Seyda

Dr. Susanne Seyda
Institut der deutschen Wirtschaft Köln
(Bildrechte: IW Köln Medien GmbH)

Dr. Susanne Seyda betreut am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung. Das Projekt wird vom IW Köln und vom RKW-Kompetenzzentrum gemeinsam durchgeführt. Zusammen mit ihrem Kollegen Sebastian Bußmann hat sie das Gutachten „Fachkräfteengpässe in Unternehmen“ im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt.

Frau Dr. Seyda, in welchen Berufen macht sich der vielzitierte Fachkräftemangel tatsächlich schon bemerkbar?

Dr. Seyda: Wir verzeichnen heute bereits in vielen Berufen Engpässe. Es fehlt vor allem an Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung, aber auch in den akademischen Berufen ist „die Luft dünn“. Besonders groß ist der Bedarf bei den sogenannten MINT-Berufen. Das sind Berufe im Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dazu gehören vor allem Ingenieure aber auch Berufstätige mit einem nicht-akademischen Berufsabschluss wie Elektriker oder CNC-Fachkräfte. Allein bei 51 MINT-Berufen beobachten wir seit zwei Jahren einen kontinuierlichen Engpass. Besonders hoch ist der Anteil dieser längerfristigen Engpässe in den Bereichen „Mechatronik, Energie und Elektro“ und „Maschinen- und Fahrzeugtechnik“.

Das bedeutet, wir müssen mehr junge Menschen dazu motivieren, einen MINT-Beruf im Rahmen einer beruflichen oder akademischen Ausbildung zu erlernen. Wobei wir bei letzterer feststellen können, dass die Studienanfängerzahl in den ingenieurwissenschaftlichen Studienfächern in den letzten Jahren zugenommen hat. Insofern ist davon auszugehen, dass sich hier die Situation nicht verschärfen wird.

Anders sieht es bei den Berufen im Gesundheitsbereich aus. Die Nachfrage nach Fachkräften kann schon heute nicht mehr gedeckt werden. Hier ist vor allem der Bedarf an Alten- und Krankenpflegern groß. Hinzu kommt der demographische Wandel. Unsere Gesellschaft wird immer älter, so dass wir in diesen Berufen auch zukünftig Engpässe haben werden, denn die Zahl der pflegebedürftigen Menschen wird zunehmen bei gleichzeitig sinkender Gesamtbevölkerungszahl.

Wie wirkt sich der Fachkräfteengpass in kleinen und mittleren Unternehmen aus?

Dr. Seyda: Kleine und mittlere Unternehmen haben häufiger Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Im Unterschied zu großen Unternehmen haben sie insbesondere Schwierigkeiten, Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung zu rekrutieren. Das heißt, auf Stellenanzeigen gehen schlichtweg keine oder nur noch wenige Bewerbungen ein. Oder Mitarbeiter verlassen das Unternehmen, ohne dass es entsprechend qualifizierten Ersatz gibt. Die Folge ist, dass Aufträge nur noch unzureichend bearbeitet werden können oder sogar abgelehnt werden müssen. Im schlimmsten Fall muss das Unternehmen schließen.

In einer Unternehmensbefragung, die im Rahmen des BMWi-Qualifizierungsmonitors durchgeführt wurde, gaben im Jahr 2013 zwischen 31 und 60 Prozent der Unternehmen an, in den vergangenen 12 Monaten mittlere oder große Probleme bei der Rekrutierung von Fachkräften gehabt zu haben. Wenn man sich vor Augen hält, dass es sich bei über 99 Prozent der Unternehmen in Deutschland um kleine und mittlere Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten handelt, wird deutlich, wie groß die Zahl von Unternehmen ist, die bereits jetzt schon von den Auswirkungen des Fachkräftemangels betroffen sind.

Wir bieten kleinen und mittleren Unternehmen praktische Handlungsempfehlungen.

Warum leiden vor allem kleine und mittlere Unternehmen unter dem Fachkräfteengpass?

Dr. Seyda: Obwohl viele der kleinen und mittleren Unternehmen interessante Arbeitsplätze anbieten, bevorzugen Jobsuchende meist größere Unternehmen. Das liegt zum einen an dem größeren Bekanntheitsgrad dieser Unternehmen. Ein zweiter Punkt ist, dass viele kleine und mittlere Unternehmen keine strategische Personalentwicklung betreiben. Wichtige Fragen werden da oft nicht gestellt, zum Beispiel: Welche Mitarbeiter brauchen wir zukünftig? Auf welchem Weg können wir Mitarbeiter suchen? Wie gewinnen wir die Fachkräfte, die wir morgen brauchen? Interne Unternehmensanalysen, Personalbedarfsplanung, Altersstrukturanalysen,– all diese Dinge machen kleine Unternehmen seltener, weil sie oft auch keine professionelle Personalabteilung haben.

Und aus diesem Grund entstand die Idee für das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung?

Dr. Seyda: Ja, genau. Damit bieten wir kleinen und mittleren Unternehmen praktische Handlungsempfehlungen und zeigen ihnen, wie sie sich mit wenigen Mitteln schon ganz gut aufstellen können. Das reicht von der Situationsanalyse und Unternehmenspositionierung über Tipps zur Rekrutierung von Fachkräften. Dazu zählen beispielsweise neue Suchwege über Social Media und Stellenbörsen, aber auch der Tipp, dass man mit Hochschulen oder mit allgemeinbildenden Schulen kooperieren kann, um Praktikanten anzuwerben, die sich dann vielleicht für eine Ausbildung im Unternehmen interessieren. Es werden zudem Fragen zur Qualifizierung beantwortet. Wie kann man eigene Mitarbeiter weiterbilden, wenn man zum Beispiel keinen Meister oder Techniker auf dem Arbeitsmarkt findet? Auch die Möglichkeiten, wie man Mitarbeiter etwa durch familienfreundliche Maßnahmen an das Unternehmen binden kann, werden angesprochen. Wir decken alle diese Themen ab, um Unternehmen dabei zu helfen, im Wettbewerb um die besten Köpfe zu bestehen.

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