Interview mit Brigitte Zypries und Prof. Dr. Gesche Joost zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf kleine und mittlere Unternehmen.

Portraitfoto Brigitte Zypries

Brigitte Zypries
Parlamentarische Staatssekretärin beim
Bundesminister für Wirtschaft und Energie
(Bildrechte: Bundesregierung/Bergmann)

Interview mit Brigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und dort zuständig für die Digitale Agenda, und Prof. Dr. Gesche Joost, digitale Botschafterin Deutschlands für die Europäische Kommission, zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf kleine und mittlere Unternehmen.

Frau Zypries, Frau Professor Joost, welchen Einfluss hat die zunehmende Digitalisierung auf den Unternehmensalltag von kleinen und mittleren Unternehmen?

Zypries: Kleine und mittlere Unternehmen kommen natürlich nicht an der Digitalisierung vorbei. Entweder sie nutzen die Digitalisierung für ihr eigenes Geschäftsmodell und bieten selbst IT-Dienstleistungen an. Oder sie sind in den traditionellen Branchen tätig und setzen dort E-Commerceanwendungen ein - sei es im Vertrieb oder zur Optimierung unternehmensinterner Prozesse. Insofern ist jedes Unternehmen und jeder beruflich Selbständige von der Digitalisierung betroffen und muss lernen, mit ihr umzugehen.

Prof. Joost: Das trifft besonders die Branchen, die durch die Digitalisierung einem kompletten Strukturwandel unterliegen. Ein Beispiel aus meiner Familie: Meine Eltern besitzen eine Druckerei. Meine Mutter und mein Vater sind Schriftsetzermeister in der dritten Generation. Viele Produktionsprozesse wie der Bleisatz, mit dem sie früher Zeitungen gedruckt haben – die gibt es heute nicht mehr. Was damals von 20 Schriftsetzern umgesetzt wurde, erledigt heute ein einziger Mitarbeiter an seinem Computer. Die Prozesse werden dadurch aber auch schneller und durch das Internet sind ganz neue Berufsgruppen dazugekommen – wie Online-Redakteure oder Social Media Manager. Dieser Wandel findet permanent statt.

Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen zukünftig?

Prof. Joost: Die große Herausforderung ist, dass die beruflichen Anforderungen ohne digitale Skills kaum zu meistern sind. Jeder und jede muss daher heute Zugang zur digitalen Gesellschaft bekommen – von jung bis alt. Computerkenntnisse müssen ab der Schule vermittelt werden und bis ins hohe Alter muss es flexible Weiterbildungsmöglichkeiten geben, um alle mit ins Boot zu holen.

Zypries: Eine der wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, dass Unternehmen lernen müssen, ein ausgeprägtes Risikobewusstsein für ihre Datensysteme zu entwickeln. Nach Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz entsteht deutschen Firmen durch Wirtschaftsspionage über das Internet jährlich ein Schaden im hohen zweistelligen Milliardenbereich – verursacht durch den Diebstahl von Unternehmensdaten und geistigen Eigentums.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Politik?

Zypries: Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Unternehmen die Chancen der Digitalisierung nutzen können. Bedenken Sie, wie viele wichtige Innovationen hier auf den Weg gebracht werden. Dafür müssen wir aber auch alle Anforderungen, die die Digitalisierung an die Unternehmen stellt, in den Blick nehmen. Die Bundesregierung hat daher eine umfassende Digitale Agenda erarbeitet.

Prof. Joost: Und die Politik muss aufzeigen: Wie sieht der digitale Strukturwandel aus? In welche Richtung bewegen wir uns? Welche neuen Berufsprofile entstehen? Eine wichtige Aufgabe ist es, gemeinsam mit Wirtschaftspartnern, Zivilgesellschaft und Bildungseinrichtungen zu definieren, wie wir Menschen fit machen für die digitale Gesellschaft. Dazu müssen wir uns mit den unterschiedlichen Branchen zusammensetzen und festlegen: Welches Know-how brauchen unsere Unternehmen in Zukunft?

Portrait Professor Dr. Gesche Joost

Prof. Dr. Gesche Joost
Digitale Botschafterin Deutschlands für die Europäische Kommission.
(Bildrechte: UdK Berlin, Design Research Lab)

Wie könnte eine erforderliche Weiterbildung für und in KMU aussehen?

Prof. Joost: Diese Weiterbildung kann meiner Meinung nach sehr gut über E-Learning funktionieren: berufsbegleitend, als ein Element des lebenslangen Lernens. Auf europäischer Ebene ermittelt ein Bündnis für digitale Arbeit derzeit, wie man durch E-Learning den Fachkräftebedarf decken kann. Gemeinsame Initiativen sind sehr hilfreich, um die Innovationskraft in Europa zu verbessern und jungen Menschen berufliche Perspektiven zu eröffnen.

Zypries: Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt jetzt schon im Rahmen der Initiative "eKompetenz-Netzwerk für Unternehmen" ein bundesweites Netzwerk von sogenannten eBusiness-Lotsen. Sie stehen kleinen und mittleren Unternehmen, insbesondere im Handwerk, bundesweit mit praxisnahen IT-Informationen zur Verfügung. Und was das Thema Datensicherheit angeht: Dazu gibt es ebenfalls eine BMWi-Initiative "IT-Sicherheit in der Wirtschaft". Sie bündelt die bestehenden Aktivitäten von herstellerneutralen IT-Sicherheitsinitiativen und stellt auf ihrer Internetseite vielfältige Praxishilfen für kleine und mittlere Unternehmen zur Verfügung.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Fachkräftesicherung?

Zypries: Wir wissen ja: Der starre „Acht-Stunden-Job“ ist auf dem Rückzug. Um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, fragen immer mehr Fachkräfte schon bei der Bewerbung nach flexiblen Arbeitszeitmodellen im Unternehmen. Und im Wettbewerb um die Besten machen diejenigen Unternehmen das Rennen, die diese flexiblen Arbeitszeitmodelle sowie mobile Arbeitsmöglichkeiten wie beispielsweise die Arbeit zu Hause, im Home-Office, anbieten.

Prof. Joost: Es gibt aus europäischer Perspektive noch einen weiteren Zusammenhang. Derzeit gibt es in Südeuropa eine inakzeptabel hohe Jugendarbeitslosigkeit. Gleichzeitig beklagen wir bei uns einen Fachkräftemangel. Da läuft etwas schief. Deswegen ist es wichtig, gerade der jungen Generation die Möglichkeit zu geben, mobil zu arbeiten - in ganz Europa. Dafür müssen wir nicht zuletzt die europäischen Rahmenbedingungen schaffen. Ein Beispiel ist das Startup-Manifest, das von der EU-Kommission gemeinsam mit Gründern und Gründerinnen aus dem IT-Bereich vorgestellt wurde. Es definiert ganz klar, was wir brauchen, um die besten Talente hier in Europa zu nutzen und zu halten.

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