Energie-Experte: Interview mit Dr. Ralf Weiß, Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit

„Junge Unternehmen haben eine zentrale Bedeutung, weil sie häufig grundlegende Innnovationen auf dem Markt einführen.“

Dr. Ralf Weiß ist in der nationalen und internationalen Gründungsforschung tätig. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Rolle von jungen Unternehmen in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Er ist Autor des Green Economy Gründungsmonitor.

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Herr Dr. Weiß, in welchen Sparten der Energiebranche werden die meisten Unternehmen gegründet?

Dr. Weiß: Die häufigsten Gründungen fanden bisher in der Solar- und Windenergie statt, gefolgt von Biogas und Energiespeichertechnik - mit deutlichem Abstand. Hinzu kommen Gründungen im Bereich der Energieeffizienz mit den Schwerpunkten energieeffiziente Gebäude, insbesondere Smart-Home-Anwendungen sowie Energiemanagement und Energieberatung. Hier besteht auch zukünftig ein großes Gründungspotenzial. Dabei sind vor allem spezielle Lösungen für die dezentrale Energieversorgung und Energiespeicherung gefragt. Bedarf besteht auch bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, beispielsweise bei der virtuellen Vernetzung mehrerer Betreiber kleiner Biogasanlagen.

Wenn wir uns die Gründerinnen und Gründer ansehen: Die sind von ihrem Profil her sehr breit gestreut. Mit über 60 Prozent haben Dienstleistungen, beispielsweise von Architekten, Handwerkern oder Beratern den größten Anteil. Ein Drittel der Gründungen betreffen Hersteller von Produkten wie energieeffizienten Geräten, Anlagen und Maschinen.

Handelt es sich bei der Gesamtzahl der jungen „Energie-Unternehmen“ tatsächlich um eine kritische Masse, die die Energiewende vorantreiben kann?

Dr. Weiß: Wir können sagen, dass rund elf Prozent aller neu gegründeten Unternehmen in Deutschland mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen Beitrag zur Energiewende leisten. Das ist durchaus ein hoher Anteil.

Wenn wir von der Transformation der Energiebranche sprechen, haben diese jungen Unternehmen in der Tat eine zentrale Bedeutung, weil sie häufig grundlegende Innnovationen auf dem Markt einführen. Das haben wir bereits in der Vergangenheit bei der Wind- und Solarenergie erlebt, wo zum Teil hoch-innovative Technologien von Gründerinnen und Gründern entwickelt wurden. Und auch aktuell beobachten wir beispielsweise bei den virtuellen Kraftwerken, dass hier die innovativen Impulse von den Gründerinnen und Gründern kommen.

Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, ob die Zahl der Gründungen ausreicht, um die Energiewende voranzutreiben: Da gibt es noch Luft nach oben. Trotz der hohen Innovationsleistung im Energiebereich ist die Gründungsneigung und wirtschaftliche Verwertung von Innovationen in Deutschland im internationalen Vergleich eher Durchschnitt.

Welche typischen Gründungshürden gibt es Ihrer Ansicht nach in der Energiebranche?

Dr. Weiß: Die größten Hemmnisse liegen im Bereich der Genehmigungsverfahren. Die sind aufwendig und komplex. Behörden können oft nicht mit neuartigen Innovationen umgehen, nicht zuletzt dauern Genehmigungsverfahren deshalb sehr lange. Das betrifft sicherlich nicht alle Start-ups. Aber dort, wo es um Versorgungstechnologien geht oder um die Installation von Netzen, von Anlagen und ähnlichen Dingen, da spielt es eine große Rolle.

Eine zweite große Hürde sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Diese werden von vielen Gründerinnen und Gründern als unsicher empfunden, so dass es ihnen schwer fällt, sich darauf einzustellen und ein Geschäftsmodell aufzubauen. Das bedeutet, sie müssen verschiedene Szenarien im Blick haben und auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren können.

Die dritte Hürde ist ganz klar die Finanzierung. Das betrifft auch Start-ups in anderen Branchen, ist aber im Energiebereich insofern besonders relevant, weil wir es dort mit langen Entwicklungszyklen und häufig auch unsicheren Markterwartungen zu tun haben. Hierzu möchte ich auf die Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, ZEW, verweisen, die im Auftrag des BMWi die Potenziale und Hemmnisse von Unternehmensgründungen im Rahmen der Energiewende untersucht hat.

Es gibt Stimmen, die sich für eine spezielle Gründungsförderung im Energiebereich einsetzen. Reicht das bestehende Förderangebot nicht aus?

Dr. Weiß: Erst einmal kann man grundsätzlich sagen, dass wir in Deutschland ein ausgezeichnetes Fördersystem für Gründer haben. Das Förderprogramm EXIST – Existenzgründungen aus der Wissenschaft wurde zum Beispiel gerade erst aufgestockt und den Anforderungen an „Energiegründungen" angepasst. Andererseits ist es so, dass das Fördersystem insbesondere des Bundes bisher nur wenige Schwerpunkte auf einzelne Branchen legt. Die Informations- und Kommunikationstechnologien, IKT, bilden da eine Ausnahme. Ähnliches würde ich mir auch für die Green Economy und insbesondere die Energiebranche wünschen. Für beide sollte ein eigenständiges Förderprogramm entwickelt werden. Von der Ausstattung her wäre der Unterschied zu den bestehenden Förderprogrammen vermutlich gar nicht so groß. Die Signalwirkung wäre allerdings nicht zu übersehen. Wie im IKT-Bereich würde damit deutlich werden, dass in Deutschland ein besonderer Bedarf an innovativen Gründungen im Energiebereich besteht. Hinzu käme, dass Gründungsinteressierte ein solches Programm schneller identifizieren könnten.

Braucht es neben einer finanziellen Förderung noch weitere Unterstützung?

Dr. Weiß: Ja, auf jeden Fall. Die Wirtschafts- und Energie-Cluster in den Regionen könnten beispielsweise viel stärker junge Unternehmen in Netzwerke einbinden. Oder Stichwort „Wettbewerbe“: Warum sollten Gründer- oder Businessplanwettbewerbe nicht auch gezielt Start-ups im Energiebereich ansprechen? Man könnte einen besonderen Preis oder eine besondere Kategorie dafür anbieten. Der KUER Gründungswettbewerb Klima, Umwelt, Energieeinsparung und Ressourcenschonung der Startbahn Ruhr geht ja bereits mit gutem Beispiel voran.

Wenn wir uns die Situation in den USA oder speziell Kalifornien ansehen, können wir feststellen, dass es dort sehr viele spezialisierte Inkubatoren im Bereich Energie- und Umwelttechnologien gibt. Da gibt es in Deutschland durchaus noch Bedarf. Die Europäische Union ist da schon einen guten Schritt vorangegangen und finanziert die beiden Innovations- und Gründungsnetzwerke KIC InnoEnergy und Climate KIC für Start-ups im Energie- und Klimaschutzbereich mit Hauptsitzen in Karlsruhe und Berlin sowie weiteren Standorten in München und Darmstadt. Da zeigen sich durchaus Erfolge. Daran könnten Bund und Länder anknüpfen.

Nicht zuletzt spielen auch die etablierten Energieversorger eine Rolle. Einige bieten bereits Gründungsinkubatoren an. Für junge Unternehmen kann das durchaus eine Möglichkeit sein, eine schnellere Markterschließung zu erreichen. Wenn man zurückschaut, haben auch die Entwickler und Anbieter von Windkraftanlagen frühzeitig mit Energieversorgern zusammengearbeitet. Anderenfalls hätten die damals gar keinen Zugang zum Stromnetz bekommen.

Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten für den Markt der erneuerbaren Energie ein?

Dr. Weiß: Wenn wir uns die Marktprognosen für die Erzeugung, Speicherung und Verteilung erneuerbarer Energie ansehen, dann gibt es Zahlen, die von einem jährlichen Wachstum von 7,4 Prozent im globalen Maßstab ausgehen. Bis 2025 wird sich das Marktvolumen auf cirka 990 Milliarden Euro erweitern, wobei die höchsten Wachstumszahlen im Bereich Energiespeichertechnologien erwartet werden.

Entscheidend ist natürlich, wie sich die Energiewende weiter entwickeln wird. Die ganze Welt schaut auf dieses Projekt in Deutschland. Was wir hier entwickeln, können wir in anderen europäischen Ländern, in Amerika und Asien anbieten. Bei einer Energieversorgung, die weltweit noch zu über 80 Prozent auf fossilen Energieträgern beruht, scheint das Marktpotenzial zunächst ungeheuer groß. Um dieses Potenzial aber tatsächlich auszuschöpfen, müssten viel mehr Staaten als bisher auf erneuerbare Energien setzen. Ob sie das tun werden, hängt nicht zuletzt auch vom Erfolg der Energiewende hier in Deutschland ab.

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Erneuerbare Energien aus Deutschland weltweit gefragt

Wachstums- und Zukunftsmärkte entstehen vor allem auf dem amerikanischen Kontinent und in Asien. Dabei sind es oftmals nicht die OECD-Staaten, die die globale Entwicklung maßgeblich mitbestimmen. Dies zeigen Ergebnisse der Marktanalyse 2014 „Status und Ausblick für die weltweite Entwicklung erneuerbarer Energien“, die im Rahmen der Exportinitiative Erneuerbare Energien jährlich erstellt wird.

„renewables – Made in Germany“ genießen hohes Ansehen und stellen einen Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen auf dem internationalen Markt für Erneuerbare-Energien-Technologien dar. Diese Erfahrung machen Unternehmen, die an Aktivitäten der Exportinitiative Erneuerbare Energien teilgenommen haben. Ausländische Kunden legen Wert auf die Qualität und das Know-how, das ihnen deutsche Unternehmen aufgrund der langjährigen Erfahrung im Bereich der Erneuerbaren bieten.

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