Interview mit Dr. Thorsten Lührs, Geschäftsführer der SeNostic GmbH

Gruppenbild fromAtoB

v.l.n.r.: Karl-Josef Eberle, Dr. Christiane Ritter, Dr. Thorsten Lührs
(Bildrechte: SeNostic GmbH)

„Obwohl wir nicht zur primären Zielgruppe des Mikromezzaninfonds zählten, verlief die Antragstellung unkompliziert.“

Die Wissenschaft arbeitet mit Hochdruck daran, Erkrankungen des Nervensystems bis ins kleinste Detail zu erforschen. Das Biotech-Startup SeNostic trägt dazu bei, diesem Schritt ein Stück näher zu kommen. Dr. Thorsten Lührs und Dr. Christiane Ritter haben die Gründung ihres Unternehmens erfolgreich abgeschlossen. Als Anschubfinanzierung nutzten sie den Mikromezzaninfonds.

Herr Dr. Lührs, Ihre Firma produziert und vertreibt sogenannte „rekombinante Proteine und Proteinagglomerationen“. Was muss man sich darunter vorstellen?

Dr. Lührs: Volkskrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson führen bekanntermaßen zu schädlichen Eiweißablagerungen im Gehirn. Wir stellen diese Eiweiße und Agglomerationen, also Zusammenballungen von Eiweißen, biotechnisch her, nach zum Teil patentgeschützten Verfahren und vertreiben sie für Forschungszwecke. Geplant ist zudem, basierend auf unserem Know-how und auf Schutzrechten, ein in-vitro-diagnostisches Verfahren für Erkrankungen des Nervensystems zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Bei diesem Verfahren werden Proben von Patienten in vitro, also im Reagenzglas, analysiert.

Wie ist diese Geschäftsidee entstanden?

Dr. Lührs: Als Wissenschaftler am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung habe ich mich intensiv mit den toxischen Ablagerungen bei Nervenkrankheiten beschäftigt. Dabei ist mir klar geworden, dass es im Grunde noch keine Technologie gibt, um diese Ablagerungen selektiv aus Patientenproben zu vermehren. Das heißt: Man kann gar nicht exakt sagen, was sich bei diesen Krankheiten im Körper abspielt, weil man das, was da entsteht, gar nicht in die Hände bekommt. Aus dieser Einsicht heraus habe ich ein neuartiges analytisches Verfahren entwickelt. Und mit der Zeit reifte die Idee, darauf eine vollständige In-vitro-Diagnostik aufzubauen.

Wie ging es dann weiter?

Dr. Lührs: Da das Helmholtz-Zentrum ausschließlich auf Infektionsforschung spezialisiert ist, hatte man dort kein Interesse, das Analyseverfahren weiterzuentwickeln. Ich habe daher im Rahmen des sogenannten Arbeitnehmer-Erfindungsgesetzes die Patente übernommen und auf eigene Kosten weitergeführt.

Ist eine Gründung im Alleingang in einer so hochinnovativen Branche nicht ein schwieriges Unterfangen?

Dr. Lührs: Auf jeden Fall ist es eine besondere Herausforderung. Gleichwohl habe ich die Firma nicht alleine gegründet, sondern gemeinsam mit Dr. Christiane Ritter. Sie ist Expertin für Proteinagglomerationen und deren Struktur. Der Dritte in unserem Team ist Diplom-Ingenieur Karl-Josef Eberle, Fachmann auf dem Gebiet von Normen und Standards.

Den Unternehmensstart haben Sie mit Mitteln aus dem Mikromezzaninfonds finanziert. Für ein Start-up aus den Biowissenschaften ist das eine eher unübliche Finanzierungsquelle.

Dr. Lührs: Viele Fördermittel stehen ausschließlich für Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen zur Verfügung und waren für unsere Situation nicht geeignet. Das heißt, wir haben uns zunächst die Frage gestellt, was wir tun können, um das Unternehmen grundsätzlich auf die Beine zu stellen. Dabei hat sich herausgestellt, dass der Kapitalbedarf für den unmittelbaren Start überschaubar war. Für die jetzige Herstellung der Eiweiße fallen ohnehin keine Investitionen an: Wir benötigen kein teures Hightech-Labor, sondern dürfen stattdessen die biotechnischen Anlagen der Technischen Universität Braunschweig nutzen. Und als Firmendomizil dient zunächst unser Privathaus.

Allerdings wollten wir schon einmal den Vertrieb auf die Beine stellen und eine Webseite aufbauen, um den Markteintritt möglichst frühzeitig zu bewerkstelligen. Und dafür war der Mikromezzaninfonds genau richtig, zumal das Antragsverfahren bei der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen relativ schnell und unbürokratisch „über die Bühne ging“ - obwohl wir nicht zur primären Zielgruppe des Fonds zählen. Daher wurde an einigen Punkten – zum Beispiel was die Schutzrechte oder die weitere Strategie anging – etwas mehr nachgehakt. Aber nun sind wir de facto startklar. Das nächste Ziel ist die Entwicklung der In-vitro-Diagnostik. Hier liegt der Kapitalbedarf allerdings weitaus höher.

Was können Sie anderen Gründerinnen und Gründern raten, die sich für eine Beteiligung aus dem Mikromezzaninfonds interessieren?

Dr. Lührs: Auch wenn es sich für ein Tech-Start-up um eine eher geringe Summe handelt, ist das Businesskonzept essenziell. Am besten, man stellt bereits im Vorfeld einen Finanzplan auf, der exakt auf den Mikromezzaninfonds zugeschnitten und umsetzbar ist.

Ihr großes Ziel ist die Entwicklung eines neuen Verfahrens für die Identifizierung von Erkrankungen des Nervensystems. Welche ergänzenden Finanzmittel wollen Sie für diesen Schritt einwerben?

Dr. Lührs: Das Projekt ist recht komplex und kostenintensiv. Allerdings sind das deutsche und das internationale Marktvolumen auch enorm. Wir haben ein detailliertes Gesamtkonzept ausgearbeitet und mit unserer Unternehmensberatung entsprechende Finanzierungsszenarien aufgestellt: Ziel ist ein Markteintritt gegen Ende 2017. Doch sowohl Venture-Capital-Geber als auch Business Angels sind bei Hightech-Projekten sehr vorsichtig: Keiner investiert leichtfertig, wenn er nicht von dem Vorhaben überzeugt ist. Daher war die umfangreiche Vorplanung so wichtig, so dass wir mit unserem Businessmodell und der Unterstützung aus dem Mikromezzaninfonds unser Unternehmen zügig an den Start bringen konnten. Jetzt können wir zeigen, dass wir erfolgreich sein können.

Ende