Interview mit Peggy Wunderlich und Torsten Bäz, Cammann Gobelin Manufaktur GbR

Portraitfoto Peggy Wunderlich und Torsten Bäz

Peggy Wunderlich und Torsten Bäz
(Bildrechte: Wolfgang Schmidt)

„Mit dem Antrag zum Mikromezzaninfonds konnten wir gleichzeitig eine Bürgschaft beantragen.“

Nachdem Peggy Wunderlich und Torsten Bäz die traditionsreiche Cammann Gobelin Manufaktur übernommen hatten, haben sie sich nach einer geeigneten Finanzierung für notwendige Investitionen umgesehen. Entschieden haben sie sich für eine Beteiligung aus dem Mikromezzaninfonds.

Frau Wunderlich, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Mann, Torsten Bäz, im vergangenen August die sächsische Cammann Gobelin Manufaktur übernommen. Was ist das für ein Unternehmen?

Wunderlich: Heutzutage würde man es als Hidden Champion bezeichnen. Auf Grund seiner Geschichte ist es aber noch mehr als das. Unsere Weberei wird nächstes Jahr 130 Jahre alt. Sie produziert seit 1886 luxuriöse und besonders verschleißfeste Möbel- und Dekorationsstoffe. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde zum Beispiel ein Großteil der amerikanischen und arabischen Erste-Klasse-Abteile in Eisenbahnen mit Cammannstoffen aus Chemnitz ausgestattet. Selbst zu DDR-Zeiten gehörte das Unternehmen zu den Weltmarktführern von hochwertigen Dekorationsstoffen. Nach dem Fall der Mauer geriet die Textilindustrie dann in eine Krise. Trotzdem haben damals zwei Enthusiasten aus Chemnitz die Manufaktur übernommen. Letztes Jahr haben sich die beiden Inhaber dann entschieden, das Unternehmen aus Altersgründen abzugeben. Und da haben wir die Chance genutzt und gesagt: Wir führen den Betrieb weiter.

Sie kommen beide aus der Textilbranche?

Bäz: Ja, wir waren schon seit einigen Jahren im technischen Textilbereich in der Beratung, Forschung und Entwicklung tätig. Der technische Textilbereich beschäftigt sich vor allem mit Funktionsstoffen wie zum Beispiel Schutzkleidung oder flammhemmende Bezugsstoffe. Das ist also eine ganz andere Sparte, die sogar ziemlich im Aufwind ist. Aber wir haben uns gesagt, so etwas Edles wie die Manufaktur hat nicht nur eine großartige Vergangenheit, sondern auch eine vielversprechende Zukunft.

Wunderlich: Das Schöne ist, dass der Betrieb nach wie vor einen weltweiten Ruf genießt. Das heißt, mit unserem Einstieg ins Unternehmen haben wir nicht nur einen internationalen Kundenstamm übernommen, sondern erhalten auch schon neue Anfragen aus den USA, aus Norwegen, Österreich und aus Russland.

Reden wir über Geld: Nach der Übernahme des Unternehmens brauchten Sie Kapital. Wofür?

Bäz: Wir wollten in eine neue Lagerausstattung, in eine verbesserte Qualitätssicherung, eine moderne Präsentationseinrichtung sowie in ein Warenwirtschaftssystem investieren.

Und dann kam der Mikromezzaninfonds ins Spiel?

Bäz: Nicht sofort. Zunächst hatten wir uns bei unserer Bank um einen Kredit bemüht. Aber das war nicht so einfach, weil wir keine Sicherheiten – keine Grundstücke oder Eigenkapitalrücklagen – hatten. Und die Textilindustrie gilt auch nicht gerade als Boom-Branche. Von daher mussten wir uns um Alternativen zum klassischen Bankdarlehen kümmern.

Dann haben wir von dem Mikromezzaninfonds erfahren. Dabei handelt es sich um eine Kapitalbeteiligung der Sächsischen Beteiligungsgesellschaft. Diese stille Teilhaberschaft hat den Effekt, dass das Eigenkapital im Unternehmen erhöht wird. Wenn wir also zum Beispiel zukünftig in unsere Maschinen investieren müssen, stehen wir betriebswirtschaftlich wesentlich besser da, als wenn wir ein Darlehen in den „Büchern“ stehen hätten. Das ist auf jeden Fall ein Pluspunkt für uns.

Wunderlich: Es gab aber noch einen weiteren Grund, warum wir uns nach Alternativen zu einem Bankdarlehen umgesehen haben. Wir haben zwei kleine Kinder, wobei aber klar war, dass ich genauso wie mein Mann im Unternehmen arbeiten würde. Dass ich das schaffe, bezweifelte die Bank allerdings und sah in der familiären Situation ein erhöhtes Risiko. Beim Mikromezzaninfonds ist es dagegen so, dass hier insbesondere Frauen unterstützt und motiviert werden sollen, unternehmerisch tätig zu werden. Insofern war unsere familiäre Situation für die Sächsische Beteiligungsgesellschaft kein Hinderungsgrund.

Peggy Wunderlich und Techniker Thomas Zinke

Peggy Wunderlich und Techniker Thomas Zinke an einem Jacquard-Webstuhl in der Cammann Gobelin Manufaktur
(Bildrechte: Wolfgang Schmidt)

War die Beantragung des Mikromezzaninfonds kompliziert?

Bäz: Nein, überhaupt nicht. Wir mussten die Antragsformulare ausfüllen und einen Businessplan abgeben. Das habe ich nicht als kompliziert empfunden. Und trotz Weihnachtsfeiertagen lagen zwischen Antragstellung und Bewilligung nur vier Wochen.

Wir mussten auch nicht in unzähligen Gesprächen begründen, warum, wieso und weshalb wir die Investitionen vorhaben. Wir sind eingeladen worden, um unser Vorhaben zu präsentieren und zu erläutern, wohin die Reise gehen soll. Dann wurde das Konzept noch einmal von der Industrie- und Handelskammer geprüft. Aber das ging alles recht schnell, weil die Abstimmungsverfahren zum Teil parallel liefen.

Bildrechte: Wolfgang Schmidt

Was würden Sie anderen Gründerinnen und Gründern empfehlen?

Bäz: Sich so früh wie möglich über alternative Finanzierungsmöglichkeiten zu informieren. Auch wenn man zunächst davon ausgehen kann, dass man ein Bankdarlehen erhält, kann es immer passieren, dass es im Verlauf der Gespräche dann doch „nein“ heißt. Und da ist es gut, wenn man weiß, welche Alternativen es gibt.

Wie sehen Ihre nächsten unternehmerischen Schritte aus?

Wunderlich: Die größte Herausforderung heißt „Fachkräftesicherung“. Unsere erfahrenste Mitarbeiterin geht in den nächsten Jahren in Rente, so dass wir damit beginnen müssen, kompetente Nachfolger aufzubauen. Wir arbeiten ja mit alten Maschinen, die es heute gar nicht mehr gibt. Die müssen auf eine bestimmte Art und Weise bestückt werden, was sehr kompliziert ist. Hinzu kommt das Nachkolorieren nach Kundenwünschen. Das alles erfordert ein großes handwerkliches Können, das unsere Mitarbeiter perfekt beherrschen. Das bedeutet, wir sind auf der Suche nach Fachkräften, die in der Lage sind, das Spezialwissen und die Handwerkskunst von unseren Mitarbeitern zu erlernen und weiter zu entwickeln.

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