Interview mit Dr. Maren Urner, Perspective Daily

Dr. Maren Urner, Han Langeslag
Han Langeslag, Dr. Maren Urner, Perspective Daily UG (haftungsbeschränkt)
© Kilian Rullkötter

"Durchhalten, Dinge ausprobieren und dabei mit einer gesunden Portion Risikobereitschaft und Pragmatismus vorgehen."

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten – dieser Überzeugung sind viele Journalisten, die immer wieder die Erfahrung machen, dass Negativ-Schlagzeilen die Verkaufs- bzw. Klickzahlen in die Höhe treiben. Was dabei in den Hintergrund rückt, sind Berichte über positive Entwicklungen, die zur Lösung aktueller Probleme beitragen können. Diese Lücke in der deutschen Medienlandschaft möchten Dr. Maren Urner und Han Langeslag mit ihrem Start-up Perspective Daily schließen. Die Ausgründung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wird mit EXIST-Gründerstipendium gefördert.

Frau Dr. Urner, Sie bieten ein Online-Medium zu gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen und weiteren Themen an. Inwiefern unterscheidet sich Ihr Angebot von den vielen Presseseiten, die es im Internet gibt?

Dr. Urner: Der entscheidende Unterschied besteht in unserem journalistischen Selbstverständnis: Wir konzentrieren uns in unseren Beiträgen auf einen lösungsorientierten und konstruktiven Ansatz. Das bedeutet, wir recherchieren und schreiben nicht nur über bestimmte Sachverhalte oder Missstände, sondern zeigen auch, dass es dazu praktikable Lösungen gibt. Viele Menschen haben ein zu negatives Weltbild, das nicht der Realität entspricht, weil der Medienfokus häufig auf negativen Schlagzeilen beruht. Der Konstruktive Journalismus möchte hier gegensteuern: Er berichtet über positive Entwicklungen und regt zur Diskussion über mögliche Lösungsansätze an.

Sie arbeiten mit einem festen Autorenteam zusammen?

Dr. Urner: Ja, wir haben eine feste Redaktion hier vor Ort in Münster. Dazu gehören acht Autoren, inklusive Han Langeslag und ich. Wir alle haben einen wissenschaftlichen bzw. fachspezifischen Hintergrund. Ich bin zum Beispiel Neurowissenschaftlerin, einer der Kollegen ist Physiker, ein anderer Germanist: alles in allem decken wir ganz unterschiedliche Themen ab. Außerdem gehören Lektoren, Designer, Entwickler sowie "Öffentlichkeitsarbeiter" zu unserem Team, so dass wir mittlerweile über 15 Mitarbeiter in Vollzeit und Teilzeit beschäftigen. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit Gastautoren aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen.

Sie sind Neurowissenschaftlerin, Ihr Kollege ist ebenfalls Neurowissenschaftler und hat darüber hinaus Wirtschaftswissenschaften und Psychologie studiert. Wie kommt man da zum Journalismus?

Dr. Urner: Ich habe schon als Schülerin und Studentin für die Lokalpresse gearbeitet. Insofern habe ich mich der schreibenden Zunft schon immer verbunden gefühlt. Dass sich daraus eine ernst zu nehmende berufliche Perspektive entwickeln könnte, wurde mir erst später bewusst, als ich mit Han Langeslag in Großbritannien ein PhD-Studium absolvierte. Uns war damals immer wieder aufgefallen, dass es viele faszinierende Menschen und Organisationen gibt, die an wirklich guten Lösungen zur Bewältigung unserer aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen arbeiten. Viel zu selten schaffen es diese Themen jedoch auf Seite eins in den Medien.

Dennoch gibt es im Ausland – nicht nur in Großbritannien – bereits eine Reihe journalistischer Initiativen, die diesen Themen im Rahmen des Konstruktiven Journalismus mehr Aufmerksamkeit schenken. Und nachdem wir nach eigenen Recherchen festgestellt hatten, dass es vergleichbare Angebote in der deutschen Medienlandschaft noch nicht gibt, haben wir uns dafür entschieden, diese Lücke zu füllen.

Dafür, dass Sie erst seit Frühjahr 2016 auf dem Markt sind, steht Perspective Daily schon ganz gut da.

Dr. Urner: Ja, stimmt. Das liegt aber auch an unserer groß angelegten und erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, über die wir rund eine halbe Million Euro einsammeln und 12.000 Mitglieder gewinnen konnten. Damit hatten wir einen guten Start, um die Redaktion finanziell abzusichern und die Entwicklung unserer Webseite voranzutreiben.

Toll ist auch, dass sich so viele Menschen für unsere Idee einsetzen und dafür sorgen, dass sich unser Angebot herumspricht. Nichts desto trotz gibt es auch einen Wermutstropfen: Aufgrund unserer Erfahrungen im Ausland, insbesondere in Großbritannien, hatten wir erwartet, dass auch an deutschen Hochschulen ein großes Interesse daran besteht, Forschungsergebnisse nach außen, in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Aber dem ist leider nicht so. Da müssen wir noch dicke Bretter bohren.

Welchen Tipp würden Sie anderen Gründern geben?

Dr. Urner: Durchhalten, Dinge ausprobieren und dabei mit einer gesunden Portion Risikobereitschaft und Pragmatismus vorgehen. Es wird nie die perfekte Lösung geben. Aber wenn man nichts versucht, wird auch nichts passieren.

Die Langfassung dieses Interviews finden Sie hier.

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